abenteuer

abenteuerreise mit schwalbe

eine schnipseljagd, august 2017

instagram: matzeschnap

letzte vorbereitungen, 31/07/2017

 

im gutbürgerlichen elternhaus gehe ich noch einmal meine packliste durch: tütensuppen, zelt, regenhose, angelschnur & büchners 'sämtliche' werke - alles da. fühlt sich ein bisschen an wie 11 sein und von zuhause weglaufen wollen.

 

dienstag gehts nach hamburg und mittwoch früh brechen wir auf; meine schwalbe 'charlotte' und ich. 5 wochen zeit für 2664 km entlang der ostseeküste. durch polen, litauen, lettland, estland, russland nach finnland. dann mit der fähre zurück richtung hamburg.

 

und falls meine schwalbe, wie artax in der unendlichen geschichte, in den mooren des baltikums zu versinken droht - ich zieh dich da raus. und irgendwie kommen wir beide in helsinki an. versprochen.

tag 1, die schwalbe fliegt

 

‌um 5 in der früh sitze ich kerzengerade im bett. Ich bin bei schwalbenbruder quintus, der meine charlotte in den letzten wochen beherbergt hat. seine mutti schmiert mir eine stulle und quinte vertraut mir sein zippo an. besser geht's nicht. 3x kickstarter treten und los!

‌als ich um die ecke biege, als würde ich mal eben zum supermarkt fahren, zittern meine beine. und dann, plötzlich, fühle ich mich als hätte ich gerade radfahren gelernt. stützräder ade. Ich bin endlich unterwegs.

ich singe, tanze auf dem sattel und freue mich über jeden autofahrer der mir einen daumen zeigt.

‌200 km und 11 mückenstiche später sitze ich im zelt, an der ostsee. grillen zirpen und meine buchstabensuppe köchelt auf dem gaskocher. tagesziel erreicht.

‌die erkenntnisse des ersten tages? mein hintern brummt wie ein bienenstock, 45km/h scooter sind meine erzrivalen und diese tour ist ein echtes, ungewisses, großartiges abenteuer.

 

morgen möchte ich in polen sein.

tag 2, nieten & hauptgewinne

 

um 4.30 werde ich von dicken regentropfen auf dem zelt wach getrommelt. es soll den ganzen tag so bleiben. wie gott mich schuf hüpfe ich für eine katzenwäsche in die ostsee. 20 kühe schauen mir zu. ich mache ein foto davon und ziehe... die polaroid-niete.

 

in einer wolke mücken verwandle ich mich in einen wasserfesten batman der 90er. hand aufs heldenherz: polen kann ich mir bei diesem wetter abschminken. eine ganze weile döse ich tropfend unter einem kleinen vordach. irgendwo.

 

dann: eine kurze regenpause. 9x kickstarter und auf die straße. mäßig gelaunt und hundemüde erreiche ich greifswald. am ersten tiefpunkt der kurzen reise passiert das, was man auf so einer tour nur hoffen kann: tolle menschen treffen. per couchsurfing lerne ich agnes und ihre tochter antonia kennen.

 

ich habe kaum die wohnung betreten, da nimmt das kind mich in beschlag. wir füllen einen fahrradkorb mit wasserbomben und liefern uns eine wasserschlacht im innenhof. antonia zeigt mir stolz ihr kaleidoskop und zählt in meinem gesicht 20 augen. wir bauen einen gigantischen klötzchenturm; so groß, dass ich antonia zum weiterbauen hochheben muss. wir fahren in der wohnung rollschuh, tanzen zu britney spears und vorm schlafen gehen bastelt mir toni eine signierte zaubertüte, lässt ein radiergummi darin verschwinden und sagt: 'ich hap ein wakkelzan und ein zan raus (sie denkt nach) matias komst du morgn mid mir ins kuntibuntiland?'

 

nichts lieber als kuntibuntiland, aber morgen soll es endlich polen sein.

tag 3, der schwalben sturzflug

 

am ende des tages zählt das tacho 54 km. ich fühle mich, als hätten wir die alpen überquert.

 

zurück auf null. nach dem wunderbaren abend bei agnes & antonia schlafe ich 7std am stück. als ich wach werde sind die beiden schon weg. 'einfach die tür zu ziehen'. ich packe meine powerbanks, trinke einen kaffee und setze mich aufs moped. 260 km stehen auf dem zettel. puh. 2x kickstarter und los!

 

eine weile fahre ich mit leuchtenden augen und wehendem haar. doch dann passiert das, wovor meine oma und ich sich am meisten gefürchtet haben: ich bleibe stehen. mitten in der pampa gibt charlotte den geist auf. ich atme tief durch, rauche eine zigarette (sorry mama) und spreche ein fantasiegebet. 24x kickstarter. nichts.

 

ok. konzentration. jetzt sind die skills gefragt, die ich in den letzten wochen über youtube inhaliert habe. ich wechsel die zündkerze, checke den luftfilter und überprüfe die vegasereinstellungen. erfolglos.

 

ich suche menschen und finde einen gruseligen bauern. der spricht als hätte er 20 marshmallows in den maultaschen. ich decodiere: '2km da runter ist ollek. der verkauft autos.' ok.

ich schiebe charlotte zu ollek. 2km. bergauf. nassgeschwitzt erreiche ich einen schäbigen autohof. hier riecht es nach öl und krummen geschäften. ollek reibt sich die plautze und zieht an seinem kippenstummel. 'piter macht fertig. 3std.' ich atme auf.

 

3std später und 50€ ärmer fahre ich los. 'komm schon' schreie Ich in den wind und werde nicht erhört. nach 2km saufe ich erneut ab. ich fluche wie ein irrer und schiebe schließlich wieder zurück. erneute reperatur. als ich endlich abfahre fragt ollek: 'wo willst hin?' 'helsinki!', sage ich. er lacht und hustet sich den teer aus der lunge. sein goldzahn funkelt in der sonne. 'niemals.'

 

ich fahre noch ein paar km weiter und baue irgendwo, völlig erschöpft mein zelt auf. ich habe ein loch im bauch, blasen an den händen und chaos im kopf. eins hab ich heute definitiv begriffen: den titel 'abenteurer' muss man sich hart verdienen.

 

noch 100km bis zur polnischen grenze.

tag 4, ich mach n' polnischen

 

der erste pole der mich überholt kurbelt das fenster runter und zeigt mir den stinkefinger. vielen dank. ich freue mich auch.

 

dabei fing alles so gut an. wie ein schmetterling puppte ich mich frühmorgens aus meinem schlafsackkokon. meine morgendusche: ein nasser waschlappen. kurze dehnung zum sonnenaufgang, aldi nuss-mix, 5x kickstarter und ab.

 

nach zwei stunden wird mein mantra der letzten tage endlich wahr. ich überquere die polnische grenze. witam polska!

 

was dann beginnt dürfte auf der karte aussehen wie ein adac fahrtraining. ständig drehe ich um und orientiere mich neu. straßensperren noch und nöcher. und dann, irgendwann, bei der vierten sperre, fahre ich einfach durch. wird schon schief gehen. 1 km weiter gibts die quittung. die straße ist dabei sich in atlantis zu verwandeln.

 

ich fahre einen riesigen umweg der mich stunden kostet. es wird langsam dunkel und ich halte ausschau nach einem geschützten plätzchen fürs zelt. starker regen setzt ein und peitscht mir ins gesicht.

 

als ich auf ein entdecktes stück rasen fahre, sinken wir plötzlich ein. ich springe von der maschine und stecke sofort bis zu den knöcheln im schlamm. barfuß hieve ich charlotte aus dem matsch. mit erdklumpen, die vor 5 min noch schuhe waren, trete ich die gänge. ich muss was finden.

 

meine füße zittern, die zähne klappern, meine regenjacke hat ihre bestimmung verloren. es hilft nichts: ich muss mich geschlagen geben. im nächstgrößeren dorf biege ich bei dem schriftzug 'room free' instinktiv ab.

 

als ich mich mit nackten, schwarzen hobbitfüßen dem eingangsbereich eines hotels nähere, dringt laute popmusik nach draußen. neben dem eingang sitzt auf einem kleinen hocker, ganz offensichtlich, eine rauchende braut. als sie mich sieht muss sie lachen. 'papieros?', fragt sie und hält mir eine zigarette hin.

 

stumm, und wie aus anderen galaxien an diesen ort gebeamt, rauchen wir zusammen/alleine unsere zigaretten. ich genieße den moment und wünsche ihr zum abschied das beste. dann miete ich ein zimmer und dusche. und dusche. und dusche.

 

morgen steht danzig auf der route. was es wird - weiß nur der schwalbengott 'simson'.

tag 5, das bernsteinzimmer

 

gegen acht: mit dem zippo zünde ich mir eine letzte zigarette an. quintus hatte recht. 'der erste zug schmeckt immer ein bisschen nach benzin'. jedes mal aufs neue ist das ein kleiner, magischer moment.

 

mit einem frühstück im durchgetanzten konfetti der gestrigen hochzeitssause beginnt der tag: polnische wurst & deftiger käse. ich schlage mir den bauch voll und suche das weite. 2 kickstarter, zündung vergessen, 4x kickstarter - los!

 

ich fasse zusammen: 3 polnische schaumschläger geben mir ne faust, ein uralter greis gibt mir die hand. ein durchgedrehter pole fuchtelt mit seinem selfiestick umher und stottert fafa facebook fafafa. wildhunde laufen mir nach und zwei tote katzen liegen mitten auf der fahrbahn - sie gingen zusammen.

 

ich bin kurz vor danzig. 300 km quer durch polska liegen hinter mir. mein gestählter körper ist wieder bei 100 % und die laune auf dem dachboden. tagesziel erreicht.

 

das couchsurfing-roulette lässt mich bei pawell landen. nach kurzem smalltalk in der küche nimmt er innerlich anlauf 'i show you something!'

 

er eilt in den keller. ich tapse hinterher und traue meinen augen nicht. pawell ist besessen von alten rechenmaschinen. um die 100 mechanischen rechenschieber tummeln sich in den massiven regalen.

 

jedes zahnrad, jedes ritzel, jede feder hat pawell poliert und aufbereitet. 2 wochen sagt er, hat er gebraucht um die mechanik einer maschine zu verstehen. jetzt kennt er sie alle (sein museumsreifer vortrag dauert 90 min).

 

als pawell dann noch zum exkurs über panzernmechanik ausholt, fallen mir die augen zu. ich muss ins bett. einfach mal an die decke gucken.

 

das ist eigentlich das schönste am reisen: innehalten. dobranoc.

tag 6, breaking bad

 

'you speak english?' - 'yes.'

'you take euro?' - 'yes.'

'you have beer?' - 'oh yes.'

'perfect!'

 

der mann der rechenmaschinen schläft noch. ich stibitze eine banane und stehle mich in aller früh aus dem haus. lautlos schiebe ich charlotte um die ecke. 4x kickstarter und weg bin ich.

 

nach wenigen km finde ich mich im stadtdschungel von danzig wieder. hier werden hupen zu meinem soundtrack. ich fahre kreuz und quer, über bürgersteige, radwege und fußgängerampeln. meine blinker haben die leuchtkraft einer casioarmbanduhr und mein rücklicht baumelt seit gestern an einem drahtgeflecht ala macgyver.

 

ich bin der härteste schwalberich in ganz polen und überhole, als krönung meiner badass skills, (achtung!) eine pferdekutsche. 'wenn hier irgendjemand charlotte abschleppt, dann springe ich im warndreieck!'

 

ich erreiche einen wunderschönen ort direkt am meer. ich esse gut und zahle wenig. ich habe noch reichlich km auf dem plan, aber: ich bleibe. ich habe zeit. das muss ich mir immer wieder sagen.

 

ich kaufe bier, schaue aufs meer und sitze einfach nur da. irgendwann schlage ich mein zelt auf und kredenze spontan ein nudelsuppendinner für zeltnachbarin agnes. im gegenzug gibts nachhilfe in polnischer geschichte.

 

im zelt lösche ich die kopflampe und mümmel mich in den schlafsack. irgendwo rauscht wasser.

 

ich habe zeit.

tag 7, flugzeuge im bauch

 

agnes räkelt sich in meinem schlafsack. wir singen polnische volkslieder und fahren mit charlotte zum schatz am ende des regenbogens. nackt. dann - wache ich auf.

 

als ich den schlafsack unter hochdruck in seine hülle presse ist agnes längst über alle berge. gut so. charlotte ist mehr als genug.

 

tatsächlich ist sie mir richtig ans herz gewachsen. wir verstehen uns blind: wenn es links an der wade vibriert, ist es zeit für die tanke. lieber etwas mehr öl, dann läuft sie feiner und bergauf, bei 30 km/h, gut zureden, dann schafft sie sogar 32.

 

im rausch der sinne fahren wir beiden turtelschwalben ganze 300 km. bis kurz vor die litauische grenze. tourrekord!

 

der zuerst angesteuerte campingplatz hat den lautstärkepegel eines freizeitparks. außerdem scheinen die 'hells bengels' (ein haufen 13 jähriger rotznasen) den platz zu regieren. markenzeichen: boxershort unter der badehose. ich zahle zwei müsliriegel schutzgeld und darf weiter.

 

am nächsten platz ist es ruhig. ich dusche in autan und koche mir ein schmackhaftes tomatencremesüppchen. als nachtisch gibt's den letzten keks der packung.

 

eine woche ist rum. mein handgelenk leidet und mein rücken jault bei jeder bodenwelle. auch charlotte hat kratzer, die bleiben werden. trotz allem: die abenteuerlust ist ungetrübt.

 

über das alleine reisen werde ich noch lange nachdenken. später. in einer badewanne mit badezusatz, irgendwo in einem feinen hotel in helsinki.

 

morgen litauen, ganz sicher!

tag 8, die gelben engel

 

'wie bitte? wo stecken sie genau?

'direkt hinter der litauischen grenze.'

'was für eine panne haben sie?'

'ich fürchte einen kolbenfresser.'

 

bei voller fahrt, mitten auf der landstraße: dejavu von tag 2. charlotte stöhnt auf und stottert sich auf den seitenstreifen​. ich bin abseits jeglicher zivilisation. keine andere chance - adac.

 

während ich im hohen gras 3std. auf hilfe warte, spiele ich optionen für den ernstfall durch. fahrrad, trampen, zu fuß. umkehren kommt nicht in frage. das habe ich versprochen.

 

adac-engel piotr betritt die szene. stundenlang tanzt er kopfschüttelnd mit dem imbussschlüssel um charlotte herum. als ich mir 2std. später eine zecke aus dem oberschenkel ziehe, lädt schamane piotr das moped endlich auf die ladefläche seines autos.

 

dann schlägt das reiseschicksal zu. ich google eine werkstatt und piotr bringt mich hin. dort angekommen erwarten mich drei litausche jungs in einer tiefgarage. untergrund. eine werkstatt gleich einer rocky-boxbude: hiphop, zigaretten, bier, pin-ups. ich kaufe schnaps und die jungs fangen an. ich bleibe den ganzen abend, lege musik auf und feier den besten tag der reise.

 

wir bestellen pizza und die drei erzählen mir von ihrer werkstattgründung 'hotbox customs'. keiner hat das gelernt, aber die leidenschaft schlägt funken. ich cutte das logo der jungs in pappe und charlotte bekommt ihr erstes tattoo aufgesprayed.

 

ich bin überglücklich genau hier stehen geblieben zu sein und genau diesen abend erlebt zu haben. diese reise ist ein unendlicher fundus von dem, was ich am meisten liebe: gute geschichten.

 

tag 9, charlotte kann nicht mehr

 

auf den hinterrädern eskortieren mich die jungs aus der stadt. als wir uns an einer ausfahrt trennen, rollt mir eine träne runter. das war keine reperatur. das war: freunde finden.

 

20 km später ruckelt es erneut. ich drossel das tempo, fahre nur noch 30 km/h. no way out - ich bleibe bei strömendem regen nach 100 km abermals liegen. ich bin zu erschöpft um zu fluchen. charlotte scheint eine krankheit zu haben, die kein mechaniker heilen kann: heimweh vielleicht.

 

ich rufe die jungs an. sie können mich holen. 4 std. sitze ich grübelnd unter einem baum. das erste mal auf der reise bin ich nicht sicher ob wir gemeinsam in helsinki ankommen werden.

 

zurück in der werkstatt tippen die jungs auf überhitzung und sprechen mir mut zu. 'try it one more time'. 150 km trennen mich von einer fähre nach kiel. das wäre der sicherste track nach hause - ohne das ziel erreicht zu haben.

 

auf der anderen seite: 600 km bis talinn. höchstgeschwindigkeit: 40km/h. von da die fähre nach helsinki. in einer woche könnte ich das schaffen. der turn über russland - leider undenkbar.

 

weiter fahren könnte bedeuten charlotte im ausland zurück zu lassen. das wäre ein tieftrauriges schauspiel am ende der reise. ich schaue ihr tief in den scheinwerfer: noch werfen wir die flinte nicht ins korn.

 

wir schlafen in der werkstatt. charlotte lege ich die landkarte unters kopfkissen. bis litauen sind wir gekommen, 1500 km haben wir geschafft und gemeinsam kommen wir noch viel, viel weiter.

tag 10, mit der ruhe einer schildkröte

 

'you know the engine of your bike?'

'no. not really.'

'good.'

'good?'

'you would never start this kind of journey if you would.'

 

zwischen motoren und werkzeug, eingewickelt in einer mit öl beschmierten wolldecke, werde ich wach. eine lüftungsanlage surrt, eine glühbirne flackert.

 

meine augen sind geschwollen und meine beine krampfen. die strapazen der letzten tage fordern ihren tribut. nervös packe ich den rucksack. die nächste fahrt wird über den weiteren verlauf der reise entscheiden.

 

nochmal verabschiede ich die jungs. nochmal bedanke ich mich. dann geht's erneut in den kampf gegen den stillstand.

 

ich schone die 38 jährige charlotte wo ich kann. ich fahre höchstens 40 und mache alle 20 km eine pause. beim anfahren strampel ich mit den beinen wie einst fred feuerstein und bergauf serviere ich schritttempo.

 

ich warte nur auf den ruckler der mich zum stehen bringt. aber er kommt nicht. wir fahren. wie ein könig auf seinem ross, tucker ich mit 30 sachen durch die prärie. wir sind wieder auf kurs, die segel sind gesetzt - helsinki wir kommen (langsam).

 

150 kaugummi-km später erreichen wir einen einsamen campingplatz. ich trinke ein bier und bin sturz betrunken. es ist also alles beim alten.

 

ich lache ein schaf an und sage: 'morgen geht's nach riga.'

das schaf kaut gras.

 

die hoffnung ist zurück.

 

tag 11, technischer k.o.

 

artax, das pferd, versinkt im moor. und so sehr ich es auch versuche, ich kann dich da nicht rausziehen.

 

wir sind 100.000 meilen unter dem meer angekommen. ich sitze erneut im nirgendwo und kaue auf einem stück holz. charlotte steht. stocksteif. kurz vor riga. ich probiere alles. jeden schritt, den ich mir bei ollek und den jungs abgeguckt habe, gehe ich durch. schweiß tropft von meiner nasenspitze. nichts geht mehr.

 

die whatsapp-ferndiagnose der schrauberjungs: motorschaden. worst case. an einem baum lehnend muss ich einsehen: hier endet die gemeinsame reise. hier endet der gemeinsame fahrtwind.

 

es ist der bitterste moment der ganzen reise. jede werkstatt in der nähe bräuchte zu viel zeit und dem klima und den distanzen hält charlotte schlichtweg nicht stand. ich muss tief, tief durchatmen.

 

wie das schicksal es will sind 20 km weiter zwei freunde in einem ferienhaus. adac-tom bringt uns hin und ich stelle charlotte sicher unter. wir gehen an den strand, reden viel und essen gut. in meinem kopf kreist nur die reise und wie ich charlotte nach hause bringe.

 

aus heiterem himmel melden sich die jungs aus der tiefgarage. 300 km sind sie entfernt. um 23:00 fahren sie los, um charlotte um 3 uhr nachts in ihren bus zu laden. u n f a s s b a r. sie können sie diesmal nicht retten, aber sie werden sie aufnehmen, sie auskurieren, bis ich sie irgendwann, sobald es geht, zurück nach deutschland hole.

 

als sie abfahren, stehe ich noch eine weile da und schaue zu wie die rücklichter des busses immer kleiner werden. um 4:46 ist charlotte entgültig weg. etwas anderes aber ist geblieben: die unbedingte entschlossenheit diese reise zu beenden.

 

unsere gemeinsame geschichte im gepäck, geht die reise für mich weiter. für uns.

 

danke charlotte, für 1600 unvergessliche km.

tag 12, der ausgeklügelte coup

 

ich trockne meine frisch gewaschene wäsche über einem alten apfelbaum und werfe weintrauben in die luft, um sie mit dem mund wieder aufzufangen.

 

nach dem schock ist ruhe eingekehrt. es tut gut einen tag lang zu faulenzen. mit meinen gastgebern leonie & gustav streife ich durch die dünen. ein plastikbecher mit frisch gezapftem bier und zwischendrin immer eine runde karten kloppen. abends, am lagerfeuer, sende ich charlotte ein paar rauchzeichen.

 

es ist die perfekte atmosphäre um hochtrabende pläne für die nächsten tage auszuhecken. das ergebnis, gezeichnet auf millimeterpapier, sieht folgenden ablauf vor:

 

morgen mittag mit dem bus nach riga. hier besorge ich bei skrupellosen drahtesel-händlern ein neues vehikel (vorzugsweise gelb, 50€ budget). packtaschen fixieren und neue polaroids auftreiben. außerdem: nüsse fürs gehirnjogging eintüten.

 

300 km sind es noch bis tallin. mit einem halbwegs fahrenden rad sollte das in 6 tagen machbar sein. aber mutmaßen möchte ich gar nichts mehr. wahrscheinlich fahre ich die letzten meter auf inline-skates.

 

das wird ein neuer abschnitt der reise und ich freue mich drauf. fühlt sich gut an das ziel wieder klar vor augen zu haben. trotzdem hat mir die zeit mit leonie & gustav gezeigt wie gut es tut vertraute gesichter zu sehen. es ist etwas gänzlich anderes erlebnisse mit anderen zu teilen.

 

und apropos rad fahren. werden meine slimfit-beine bei dieser tour de tallin überhaupt bestehen? und noch viel wichtiger: brauche ich eine radlerhose mit geleinlagen?

tag 13, gepäckdiät in riga

 

eine frau in zu kurzem, pinken top singt john lennons 'imagine' - jeder fünfte ton ein treffer. ich bin kein fan von karaoke, aber auf der abgewetzten bühne, in einem keller irgendwo in riga, klingt das für mich wie eine arie von luciano pavarotti.

 

ich komme bei reinis unter. einem regie studenten, den ich aus hamburg kenne. er hilft mir fahrradläden zu lokalisieren und eine geeignete route nach tallinn zu planen. es ist zu spät, um heute schon ein zweirad zu ergattern. leider. ich würde am liebsten sofort drauf springen und los fahren.

 

stattdessen ist es zeit ballast loszuwerden und ein paar sandsäcke aus meinem reiseballon über bord zu werfen. auf meinem fiktiven rad ist weniger platz. mittlerweile kenne ich jeden winkel meiner taschen, weiß genau in welcher falte meines rucksacks sich welcher gegenstand befindet. ich sortiere neu und specke um die hälfte ab.

 

morgen geht es früh raus. drei potentielle fahrradschuppen stehen auf der liste. und es gibt noch etwas anderes zu erledigen, von dem ich morgen erzähle, wenn es denn hoffentlich geklappt hat.

 

charlotte fehlt sehr. klar, morgen gibt's einen neuen reisepartner, aber mir fehlt unsere tägliche routine: schloss lösen, benzinhahn öffnen, zündschlüssel drehen, dann ein paar mal ins leere treten, bevor der motor langsam seinen rythmus findet.

 

übermorgen in der früh möchte ich wieder auf der straße sein. einfach fahren. fahren und die gedanken schleifen ziehen lassen.

 

'innehalten ist gut, stehen bleiben das gegenteil', denke ich und prompt wächst mir ein weißer, langer, buschiger bart. ich sollte schleunigst einen account bei zitate.org anlegen.

 

noch zwei mal schlafen - dann bin ich wieder auf der straße.

tag 14, charlottes verlorener sohn

 

als ich dem kleinsten geiger der welt 2€ in seinen koffer schnippe, zuckt er nicht mal mit der wimper. ganz im gegenteil: er beendet auf der stelle seine karriere und macht sich mit dem üppigen verdienst aus dem staub.

 

6 stunden hangeln wir uns durch das wunderschöne riga. nach etlichen anläufen finden wir in einem hinterhof, etwas abseits der stadt, endlich das geeignete reisefahrrad. ein denkbar hassliches modell, aber robust und fahrbereit.

 

ich stelle vor: charles. 6 schwer-gehende gänge, ein sattel mit riss, kettenschutz und eine nicht klingelnde klingel. dieses powerpaket gibt es für 70 kröten in nichtssagendem grau. 'keine sorge charles, du wirst mit jedem km schöner werden.'

 

dann holen wir das shirt ab, was ich gestern abend in auftrag gegeben habe. auf weißem stoff strahlt charlotte in leuchtenden gelb. wie eh und je. sie ist wieder dabei und spannt sich über meine muskulöse brust. ihr verlorener sohn charles muss sich noch beweisen, aber er ist jetzt schon der neue, verwegene underdog der bande.

 

ich behänge charles mit den packtaschen und sofort steigt mein puls. das reisen ist wie achterbahn fahren - ein ständiges hochgefühl. der abend klingt mit einem bier aus und dann geht's schnell ins bett.

 

morgen möchte ich 70 km fahren und mein zelt an einem feinen stück strand aufschlagen.

 

noch lehnt charles lässig an einem baum, aber schon morgen schneiden wir die luft.

tag 15, ich dreh am rad

 

ich krümme mich auf dem rasen wie basti schweinsteiger im wm-finale.

 

ich bin nass. durchgeschwitzt bis auf die unnerbuchs. charles ist ein träger bock und meine beine sind eigentlich für standbein spielbein konzipiert.

 

einer langen phase des ausgiebigen fluchens, folgt irgendwann stumme konzentration. ich freue mich über jeden lkw, der mir beim überholen ein bisschen rückenwind verschafft. 'helsinki' flüster ich immer wieder vor mich hin.

 

und hatte ich was von 'luft schneiden' gesagt? wer den weltrekord im 'langsam fahren' hält sollte sich vor mir in acht nehmen. schnecken und igel (mit sonnenbrillen) sausen nur so an mir vorbei.

 

der campingplatz, den ich ansteuere gibt's nicht mehr. schön. nochmal 13 km on top. mein hinterteil wird am ende der reise einen container babypulver benötigen und ganz hamburg in eine staubwolke verwandeln.

 

als belohnung für 83 km ist der nächste platz ein idyll. ich springe ins meer und tauche ab. unter der wasseroberfläche ist ruhe. kein verkehr, keine schmerzen. nur ich: im hier und jetzt.

 

mein rechtes knie macht probleme und ich werde versuchen ihm ein bisschen schlaf zu gönnen.

 

ps: ja, ich hätte eine hose mit geleinlagen gebraucht.

tag 16, übers knie brechen

 

jetzt weiß ich wieder warum lange radtouren schon als kind nicht meine sache waren.

 

um sieben weckt mich der quickfidele zeltnachbar micha (74). er ist gestern noch spät mit dem motorrad angereist und wir haben auf anhieb einen draht gefunden. früh morgens hat er sein igluzelt in eine kleine lounge verwandelt, um mich zum frühstück einzuladen.

 

es gibt gutes brot und tee aus einer verbeulten blechkanne. wir reden über das reisen im alter, wie man sich mit einem waschlappen jung hält und das er sich auf tour hauptsächlich von bier ernährt.

 

als ich mit charles startklar bin, gibt's eine herzliche umarmung und DEN tip aus michas reisebibel: 'wenn du lange fährst, steck dir immer ein taschentuch zwischen die pobacken. ich hab auch eins drin.'

'danke --- vielleicht ein andermal.' dann strample ich davon.

 

mit heftigen knieschmerzen und oberschenkeln aus beton überquere ich die grenze nach estland. ich quäle mich weitere 15 km an eine schöne bucht, direkt am meer. morgen werde ich eine letzte etappe mit charles bewältigen und dann nach tallin trampen. mehr gibt mein knie leider nicht her.

 

ich ergattere ein estländisches bier, schlendere den strand entlang und schaue aufs meer. manchmal, wenn die bierflasche im richtigen winkel steht, spielt der wind auf ihr musik.

 

auch wenn es auf lange sicht der mars sein soll - die erde ist schwer in ordnung.

tag 17, land in sicht

 

ich humpel über den strand und komme mit einem jungen pärchen ins gespräch. 'wir fahren morgen bis tallinn. willst du mit?' als ich 'nein' sagen will, schreit mein knie 'ja'.

 

ich zelebriere ein abschiedsritual aus tanz und gesang. dann stelle ich charles mit kontaktanzeige an die straße. auf das er einen großartigen, kräftigeren besitzer findet. charles, du warst eine wucht!

 

im vw-bus des jungen glücks visiere ich das ende an. für den 20. buche ich die fähre nach helsinki und weil ein aufenthalt dort mein sparkonto kostet, geht es schon am 22. per flieger zurück nach düsseldorf.

 

es ist seltsam um ein ende zu wissen. hat sich eine zeit lang angefühlt als würde ich einfach immer weiter fahren ohne jemals zurück zu schauen.

 

dann sitze ich in tallin auf einer parkbank. nach einem moped und einem fahrrad ist mir nur der frohe mut und ein hagerer rucksack geblieben.

 

ich lande in einem hostel - 10 bett zimmer. fühlt sich an wie ein bootcamp mit 9 soziopaten, die starren als wären sie bei jack the ripper in der schule gewesen.

 

doch dann taut die bande auf. ich lerne diego und susan kennen. wir verabreden uns auf ein bier ganz in der nähe und ich genieße es unter leuten zu sein und zuzuhören.

 

heute am hafen konnte ich erahnen, das da hinten irgendwo helsinki ist. übermorgen geht es rüber.

 

das shirt mit charlotte liegt bereit.

tag 18, sleepless in tallinn

 

ein kanon aus handyweckern öffnet mir die augen. noch immer tobt mein magen vom 'schärfsten schnaps der welt', der pro pinnchen mit zwei gläsern milch serviert wird.

 

diego hat sich gestern noch ausgeklinkt und susan und ich sind alleine los. in jeder kneipe probieren wir ein neues bier und auf den wegen dazwischen tauschen wir unsere lebensgeschichten aus.

 

diese wunderbare irrfahrt endet spät nachts irgendwo am hafen. wir lassen den abend revue passieren und lachen uns die seele aus dem leib. in einem punkt sind wir uns einig: dieser schnaps war eine nahtoderfahrung.

 

zurück im vibrationsalarm meiner schlafgefährten erreicht mich eine nachricht aus der heimat. ein guter freund bittet mich der patenonkel seiner tochter zu werden. sofort springe ich aus dem bett und boxe ein paar mal in die luft: 'your patenonkel is ready to do everything, crazy little girl!' ich freue mich wahnsinnig. danke.

 

nach spaziergängen mit langen gesprächen und gutem kaffee treibt es mich erneut ins nachtleben von tallinn. aus der hostel-kaserne wird langsam ein club der guten typen. spanien, belgien, italien und deutschland schicken jeweils einen kandidaten ins rennen.

 

noch einmal schnarchkonzert in tallinn und dann geht es früh raus aufs meer. 3 std. dauert die überfahrt. final destination: helsinki.

 

mit dem reisen habe ich mich angefreundet, aber ankommen ist ein neues, fremdes kapitel.

 

was macht ein reisender am ziel?

tag 19, ich bin da

 

'see you in next life!', zum gefühlt 100. mal verabschiede ich menschen, die innerhalb kürzester zeit meine freunde geworden sind.

ein aufrichtiger, fester händedruck und ich biege um die ecke.

 

mit charlotte auf dem shirt betrete ich die fähre. ich höre hans zimmer, obwohl nirgendwo musik läuft. ein finne verschüttet bier, möwen verrichten ihre notdurft und kinder stehen schlange, um nacheinander 50 cent in ein fernrohr zu investieren.

 

als selbst der letzte passagier ein selfie an deck geschossen hat, erreicht die 'finlandia' helsinki. scheiße. ich bin da.

 

bevor ich darüber nachdenken kann, bekomme ich eine nachricht von couchsurfer eddie. der gebürtige peruaner leiht mir seine couch. es gibt eine mango und den zweitschlüssel. dann - schlafe ich im sitzen ein.

 

als ich aus meinem dornröschenschlaf erwache, möchte ich in die stadt. ein bisschen 'ankommen' feiern. aber irgendwie traue ich mich nicht in den stadtkern. heute bleibe ich lieber noch auf abstand und trinke instantkaffee in einer popeligen raststätte.

 

als der lavazza becher leer ist wird mir klar: ich bin wirklich da. 1600 km auf charlotte, 210 km auf charles, 200 km getrampt, 130 km auf der fähre, 100 km mit dem adac und 60 km zu fuß.

 

der km-zähler meiner inneren landkarte drehte jeden tag schneller und jetzt, an der raststätte, rast er so schnell, dass die zahlen verschwimmen.

 

morgen ist der letzte tag - da nehme ich mir zeit für die stadt. und ich werde versuchen die frage zu beantworten, die mir meine oma kurz vor der reise, bei kaffee & kuchen, zugeflüstert hat. 'mathias, was soll das eigentlich alles?'

 

gute frage.

tag 20, ende

 

helsinki ist schön, aber mein rucksack zu schwer und ich zu schwach. kein hostel, kein couchsurfing mehr. ich fahre zum flughafen. 10 stunden bis mein insolventer air-berlin flieger endlich abhebt.

 

ich observiere das gelände und finde einen ort, an dem ich jedes startende flugzeug genau beobachten kann. ein guter platz, um meinen letzten eintrag zu spinnen.

 

das wars. das war der tanz auf dem vulkan, den ich mir gewünscht, aber niemals hätte ausdenken können. ein mixtape aus glück, ohrfeigen, kirmes und chaos. eine reise, auf der die schönsten momente meistens in den dunkelsten ecken lauerten.

 

keine ahnung was so eine reise soll, liebe oma, aber ich bin mit 28 nochmal um 2 cm gewachsen und ich habe dinge verstanden, die mir bisher kein lehrer beibringen konnte.

 

zwischen den täglichen polaroid-schnipseln und diesen zeilen liegt noch tonnenweise verborgenes zeug: geheime, wirre und verschlüsselte botschaften, die ich selber noch lange nicht geknackt habe.

 

danke an die academy, den aldi nuss-mix und die großartigen haupt- und nebendarsteller dieser phantastischen reise. und falls das hier irgendjemand gelesen hat: danke fürs ein bisschen dabei sein wollen.

 

zuhause werde ich aus diesem blog ein handfestes fotoalbum basteln. mit füller, schere & prittstift. dann kritzel ich 'charlotte' auf das deckblatt und stelle es, für immer greifbar, zu den anderen tollen abenteuer-geschichten in meinem bücherregal.

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